Im Online-Kongress „Gewalt im Alltag“ habe ich erklärt, welche Auswirkungen Religion oder Weltanschauung auf Gewalttaten haben – insbesondere auf Strafverfolgung und Hilfesystem für die Betroffenen.

Die Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung hat in einem Online-Kongress „Gewalt im Alltag“ verschiedene Facetten von Gewalt von Expertinnen und Experten ausleuchten lassen. Mein Vortrag im Themenschwerpunkt „Gewalt und Religion“ ist per Video aufgezeichnet worden und im Vimeo-Kanal der Stiftung abrufbar. Ich habe darin erklärt, warum es einen Unterschied macht, ob ein sexueller Übergriff im Kontext einer Religion oder Weltanschauung stattfindet oder nicht.

Ein paar kurze Einblicke: Die Einbettung in ein Glaubens- oder Überzeugungssystem hat Auswirkungen auf Täter*in und Opfer, auf die Glaubhaftigkeit und die Reaktionen der Umwelt sowie nicht zuletzt auf die Reaktionen des säkularen Staates, des Jugendamtes oder der Strafverfolgung. Solche Taten finden immer im Umfeld entsprechender Gruppen statt, sind also nicht isoliert zwischen Täter*in und Opfer zu betrachten. Für die Ämter, die zu Hilfe gerufen werden, kollidiert der Opferschutz möglicherweise mit der Religionsfreiheit. Viele Religionsgemeinschaften betreiben regelrecht eigene interne Rechtssysteme (die katholische Kirche zum Beispiel), so dass staatliche Stellen bei Gewaltverdacht gar nicht erst eingeschaltet werden. Und es ist davon auszugehen, das der/die Täter*in und die entsprechende Gruppierung eine eigene Sprache, eigene Rituale und ein eigenes Deutungssystem etabliert haben, in dem ein Opfer sich gar nicht darüber bewusst werden kann, gerade eine Straftat erlebt zu haben.

Auf meinen Vortrag folgte eine Schilderung von Soja Howard, Mitglied des Betroffenenrates bei der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. Sie beschrieb Erlebnisse mit Ämtern und Hilfspersonen aus ihrer eigenen evangelikal geprägten Kindheit. Auch dieser Vortrag ist online abrufbar. Ein Zitat aus ihrem Vortrag:

Ich rede hier von Gewalt als Züchtigungs- und Erziehungsmittel. […] Irgendwann hatten wir das Jugendamt bei uns sitzen, und die haben uns gefragt ‚werdet Ihr geschlagen?‘ Und wir haben gesagt ‚Nein, wir werden nicht geschlagen. Das ist keine Gewalt, die uns angetan wird.‘

Denn wir haben gelernt, […] dass die Züchtigung, die wir erleben, ein gottgewolltes Erziehungsmittel ist.

Hätte man uns gefragt, ob wir gezüchtigt werden zu Hause, dann hätten wir in gutem Glauben ‚Ja‘ gesagt.“