Bei einer Podiumsdiskussion am 26.4.2012 war ich auf ein Podium der Thüringer Zeitung eingeladen. Das Thema „Zehn Jahre nach dem Amoklauf – Gutenberg, Winnenden und die Verantwortung der Medien“.

Am 26. April 2002 ermordet ein 19jähriger ehemaliger Schüler im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen: 12 Lehrer, zwei Schüler, eine Schulsekretärin, einen Polizisten und sich selbst. Ein Schock für die Kleinstadt Erfurt und eine monatelange Herausforderung für die Journalistinnen und Journalisten der Thüringer Zeitung, die lokal und vor Ort arbeiten.

„Niemand von uns war von dieser Tat unberührt. Wir alle waren entweder selbst auf dieser Schule, oder unsere Kinder, oder wir waren mit Lehrerinnen und Lehrern befreundet oder benachbart. Sowas wie „journalistische Distanz“ war blanke Theorie.“

Das erzählte mir einer der Lokaljournalisten in einem vorgeschalteten mehrtägigen Seminar, zu dem die Chefredaktion mich eingeladen hatte. Zehn Jahre nach der Tat haben die Mitglieder der Lokalredaktion sich in diesem Seminar das erste Mal strukturiert der Frage widmen können, was diese Tat und diese Berichterstattung mit ihnen gemacht haben.

Eine meiner Aufgaben an die Gruppe war, in Worte zu fassen, warum sie Journalistinnen und Journalisten sind. Genauer: Was genau sie im Rückblick  glauben, in ihrer Rolle als Lokalredaktion zur Verarbeitung des Amoklaufes beigetragen zu haben. Einer der Teilnehmer formulierte damals:

„Ich glaube, wir haben den Menschen in dieser Zeit gezeigt, dass die Erde sich weiter dreht. Für die Menschen in Erfurt war der Todeslauf eine Vollbremsung. Alles stand still, alle waren verstummt, eine einzige Schockstarre. Viele dachten, sie könnten ohne ihre Kinder und andere Verstorbene nicht mehr weiterleben. Aber wir haben ihnen jeden Tag eine neue Zeitung auf den Tisch gelegt. Jeden Morgen haben wir ihnen erzählt, was sich entwickelt. Wie über Waffengesetze diskutiert wird. Wo und wie Hilfsangebote in Erfurt erreichbar sind. Was sich sonst noch ereignet auf der Welt. Und langsam, ganz langsam, hat die Welt unserer Leserinnen und Leser wieder angefangen, sich zu drehen.“

Im Anschluss an diese sehr intensiven gemeinsamen Klausurtage war die öffentliche Podiumskussion geplant. Dort wurde ich genauso wie der Chefredakteur der Winnender Zeitung, der den Amoklauf 2009 in Winnenden redaktionell betreut hat, und andere vom Chefredakteur der Winnender Zeitung, Hanno Müller, befragt.

Link zur Berichterstattung über die Podiumsdiskussion auf der Website des Global Center for Journalism and Trauma (GCJT, ehemals Dartcenter)

Lesetipp: Die Redaktion um Hanno Müller von der Thüringer Zeitung hat ein äußerst lesenswertes Buch zum Thema „Der Amoklauf – Zehn Jahre danach – Erinnern und Gedenken“ veröffentlicht.

Hanno Müller / Paul-Josef Raue (Hg.): „Der Amoklauf – Zehn Jahre danach – Erinnern und Gedenken“, Thüringen Bibliothek Band 5, Klartext-Verlag Essen 2012